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15. Februar 2018

Den Blick auf die Menschen richten

 

Benefizkonzert: Auch wenn Barbara Stamm noch nicht weiß, ob sie sich politisch in den Ruhestand zurückziehen will, ihre soziale Stimme wird nicht verstummen. Am Samstag ist sie wieder zu hören.

Das Gespräch führte THOMAS FRITZ

 

An diesem Samstag spielt das Polizeiorchester Bayern im Congress Centrum. Der Erlös des Benefizkonzertes ist für das Kinderpalliativteam der Malteser und für den Verein Hilfe im Kampf gegen Krebs bestimmt. Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) hat die Schirmherrschaft übernommen. Im Gespräch mit der Redaktion erklärt sie auch, warum beide Organisationen die Spenden brauchen.
FRAGE: Wegen 150 000 Euro wollten die Krankenkassen Kindern in Unterfranken ein würdevolles Sterben zuhause verweigern. Sie waren in die Verhandlungen zwischen dem Malteser-Kinderpalliativ und der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen eingebunden. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie hörten, die palliative Versorgung unheilbar kranker Kinder steht auf der Kippe?
BARBARA STAMM: Das konnte ich zunächst überhaupt nicht fassen. Weil völlig losgelöst von den todkranken Kindern und dem Engagement der Malteser entschieden wurde – und das können Menschen sehr schwer nachvollziehen. Es war ja gar nicht so einfach, einen Träger in Unterfranken zu finden. In anderen Regierungsbezirken sind solche Teams an Kinderkliniken angebunden. In Würzburg war das nicht möglich. Wir haben viele Spenden zusammen bekommen, damit das Team überhaupt an den Start gehen kann. Und dann ging es darum, einen kostendeckenden Vertragmit der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen zu bekommen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass das solche Schwierigkeiten macht.

Wie erleichtert sind Sie, dass es schließlich doch noch zu einer Einigung gekommen ist?
STAMM: Ich bin natürlich sehr erleichtert. Aber wir wissen ja nicht, wie die Zukunft aussieht. Die Finanzierung des Kinderpalliativteams soll ja noch einmal auf den Prüfstand kommen– und es ist nicht abzusehen, wie die weiteren Verhandlungen dann ausgehen und gestaltet werden.

Das heißt wieder zittern?
STAMM: Ich habe bei den Koalitionsgesprächen darauf gedrungen, dass die Politik sich wieder Verantwortlichkeiten und Möglichkeiten der Selbstgestaltung zurückholt. Das heißt, dass wir nicht den Krankenkassen oder der Kassenärztlichen Vereinigung die letzte Verantwortung geben, sondern Menschen wieder mehr in den Blick genommen werden. Schicksalsschläge gibt es viele im Leben. Doch für Eltern, die ein sterbendes Kind haben, bricht doch eine Welt zusammen – da braucht man nicht nur das medizinische, sondern auch die psychosoziale Betreuung. Das sehen meiner Meinung nach die Krankenkassen
viel zu wenig.

Konnten Sie sich durchsetzen?
STAMM: Ich habe mich bei diesem Thema zum Teil sehr verkämpft. Sogar in Anwesenheit der Kanzlerin habe ich mal einen kleinen Wutausbruch bekommen.
Wie sieht so ein Wutausbruch aus?
STAMM: Ich werde dann sehr emotional. Denn wir haben eine Bürokratie um uns herum aufgebaut und derart viel Verantwortung an andere Institutionen abgegeben – das muss sich wieder ändern.

Hat sich’s denn wenigstens gelohnt?
STAMM: Im Koalitionsvertrag steht nun, dass der Hospiz- und Palliativbereich grundsätzlich gestärkt wird. Insbesondere durch die Kostenübernahme der Koordination von Palliativ- und Hospiznetzwerken. Auch Verbesserungen bei der Versorgung von Kindern und in Altenpflegeeinrichtungen soll es geben.

Das bedeutet auch mehr finanzielle Mittel?
STAMM: Die Kassen hätten ja das Geld. Es ist nur die Frage, wie wird eine entsprechende medizinische, pflegerische und psychosoziale Betreuung, die gerade im Kinderhospizbereich sehr wichtig ist, bewertet. Die ganze Familie muss begleitet werden. Auch Geschwisterkinder.

Sie haben ja auch kritisiert, dass das bayerische Gesundheitsministerium für die palliative Versorgung der Kinder zu wenig Geld zur Verfügung stellt.
STAMM: Gerade einmal 15 000 Euro.

Das ist nicht viel.
STAMM: Ich habe mit dem künftigen Ministerpräsidenten Markus Söder gesprochen. Er sieht auch, dass dies kein guter Zustand ist
und hat versprochen, mehr Geld für diesen Bereich zur Verfügung zu stellen.

Eltern kranker Kinder oder pflegebedürftige Menschen ringen oft mit Krankenkassen, weil sie um Heilmittel oder Behandlungsmethoden streiten. Wie kann die Politik hier unterstützen?
STAMM: Ich kenne eine Mutter, die hat ein dreiviertel Jahr mit ihrer Krankenkasse um einen Autositz für ihren schwerst behinderten Sohn gestritten, damit er täglich zur Schule gebracht werden kann. Ein dreiviertel Jahr! Auch hier müsste ein großes Stück aus dem Weg geräumt werden. Es kann nicht sein, dass Begutachtungen sehr lange dauern. Und, dass sehr viele Anträge erst einmal von den Kassen abgelehnt werden. Interessant ist, dass viele im Widerspruchsverfahren doch die Zusage bekommen.

Es soll nun auch eine Rekonvaleszenz für pflegende Angehörige geben.
STAMM: Ja, sie sollen einen Anspruch auf Kur haben. Beispielsweise gehört die Mutter-Kind-Kur bisher zu einer freiwilligen Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Das haben wir jetzt im Koalitionsvertrag zu einer Pflichtleistung gemacht.

Und der Vater?
STAMM: Der gehört natürlich genauso dazu. Auch die Geschwisterkinder müssen beachtet werden. Das ist ja Wahnsinn! Wenn ein schwerst behindertes Kind in der Familie ist. Was passiert mit den Geschwistern? Was mit der überlasteten Mutter, die fünfmal in der Nacht aufstehen muss?

Die bekommt das Pflegegeld gekürzt, wenn sie ihr Kind in die Kurzzeitpflege gibt und eine Auszeit nimmt.
STAMM: Wir haben im Koalitionsvertrag auch festgehalten, dass die Kurzzeitpflege viel besser finanziert werden muss. In diesem Bereich gibt es deutlich zu wenig Kapazitäten.

Das Kinderpalliativteam kümmert sich auch um die ganze Familie.
STAMM: Und das ist sehr wichtig.

Allerdings finanzieren die Malteser diese Betreuung aus Spendengeldern, weil es die Krankenkassen nicht als ihre Aufgabe sehen. Wie können die Kassen in die Verantwortung genommen werden?
STAMM: Der Gesetzgeber hat das zwar schon auf denWeg gebracht, aber ermuss in diesem Bereich noch deutlicher werden. Wenn das nicht zur Selbstverständlichkeit wird – und jetzt betrachte ich das mal nicht aus humanitärer Sicht – sondern unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten: Wenn eine Familie völlig am Boden liegt, weil eine Mutter das nicht mehr schafft, dann sind oft psychische Erkrankungen die Folge. Wir sprechen so viel über Prävention, statt dass man sich mal darüber Gedanken macht, wann beginnt denn Prävention eigentlich.

Der Tod eines Kindes geht einem sehr nahe. Andererseits hat man aber auch den Eindruck, der Tod von Kindern ist ein Tabuthema in unserer Gesellschaft, worüber man nicht gerne redet. Wie könnte sich das ändern?
STAMM: Ich glaube, dass es insgesamt sehr schwierig ist, das Ende des Lebens auch als einen Teil unseres Lebens zu betrachten. Bei einem Kind fällt einem das noch schwerer. Ich habe schon viele Eltern, aber auch Großeltern erlebt, die ihr Kind, ihren Enkel beerdigt haben und am offenen Grab stehen und sich fragen, warum nicht ich. Und deswegenwerbe ich, auch in meiner Eigenschaft als Vorsitzende der Lebenshilfe in Bayern, immer dafür, ja zu sagen zu einem schwerst behinderten Kind. Auch Freude an diesem Kind zu haben. Die gemeinsamen Jahre entsprechend zu gestalten. Es gibt selten Menschen, die das alleine schaffen. Sie brauchen die Solidarität. Die gesetzliche Krankenversicherung kann Menschlichkeit nicht ersetzen, aber die Rahmenbedingungen können gesetzt werden.

Glauben Sie nicht, dass sich die Krankenkassen auch ein Stück weit auf Benefizkonzerte wie das am Samstag verlassen und sich noch mehr aus ihrer Verantwortung zurückziehen?
STAMM: Das glaube ich nicht. In der Auseinandersetzung mit den Kassen habe ich auch gemerkt, dass es Verantwortliche gibt, die sehr engagiert sind.

Braucht es diese Spenden, weil das Gesundheitssystem niemals in der Lage sein wird, die finanziellen Lücken zu schließen?
STAMM: Ich würde nicht sagen, das Gesundheitssystem. Sondern alles, was es drumherum gibt. Denn Krankheiten müssen vor allem ganzheitlich gesehen werden. Und da haben wir noch ein Defizit.

Nun haben Sie sich ja noch nicht geäußert, ob Sie in diesem Jahr in den politischen Ruhestand gehen wollen.Wenn Sie es tun würden, Ihre soziale Stimme wird nicht verstummen, oder?
STAMM: Mit mirmuss man, solange ich noch eine Stimme habe, immer rechnen. Egal wo und an welchem Platz.

 

Konzert für die gute Sache
Heitere Melodien präsentiert das Polizeiorchester Bayern am Samstag, 17. Februar, um 19 Uhr im Congress Centrum Würzburg. Der Verein „Hilfe im Kampf gegen Krebs“ ermöglicht Projekte zur Krebsforschung am Universitätsklinikum Würzburg, wodurch die Überlebenschancen der Betroffenen erhöht werden können. Zum anderen benötigen Familien mit unheilbar kranken Kindern eine besondere Unterstützung.
Diese Hilfe bekommen sie seit 1. Oktober 2017 durch das Kinderpalliativteam Unterfranken.
Karten sind an der Abendkasse gegen eine freiwillige Spende zu bekommen.

 

ARCHIV-FOTO: DANIEL PETER

FOTO: T. EPP

 

 

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